Was machen Gedächtnissportler beim Lernen anders? Die Wissenschaft von Gedächtnis, Vorstellungskraft und Denken
Gedächtnissportler wählen aus dem Verstandenen die wichtigsten Informationen aus, ordnen sie mithilfe eingeübter Strukturen und rufen sie gezielt ab. Was sich bei Bedarf abrufen lässt, wird zum Material für Wiederholung, gedankliche Simulationen und das Entdecken neuer Zusammenhänge.
Ein Kursteilnehmer stellte einmal eine spannende Frage: Kann man sich nach ein oder zwei Jahren Mnemotechniktraining den Inhalt eines Buches schon beim Lesen rasch einprägen und ihn anschließend im Kopf weiter durchdringen und neu ordnen?
In dieser Frage steckt ein wichtiger Gedanke. Wer mit Gedächtnistechniken vertraut ist, kann ein Buch schließen und Begriffe sowie Hinweise aus dem Text leichter ins Gedächtnis rufen, miteinander vergleichen, neu verknüpfen, an eigenen Beispielen erproben und in Gedanken durchspielen. Entscheidend ist, dass ausgewählte Informationen deutlich gezielter geordnet und wieder abgerufen werden.
Kurz gesagt: Enkodierung und Abruf verändern sich
Ungeübte Lernende und erfahrene Gedächtnissportler lesen gleichermaßen aufmerksam und verstehen den Sinn eines Textes. Der Vorteil der Gedächtnissportler liegt in eingeübten Strukturen, die sie bei neuen Informationen sofort einsetzen können. Wenn sie Kerngedanken auswählen und mit Bildern, Orten oder einer Reihenfolge verknüpfen, entsteht ein Weg, über den sich die Inhalte später wieder abrufen lassen.
Gedächtnissportler verwandeln Ziffern, Karten und Wörter in vertraute Bilder und verbinden diese mit bekannten Orten oder einer vertrauten Reihenfolge. Mit jeder Information ist so zugleich ein Weg verknüpft, über den sie sich später wiederfinden lässt.
Eine Untersuchung von Maguire und Kollegen an Gedächtnissportlern der Weltklasse ergab, dass außergewöhnliche Gedächtnisleistungen eng mit räumlichen Lernstrategien zusammenhingen. Die Kernstärke der Gedächtnissportler liegt darin, Informationen rasch in einer eingeübten Struktur zu ordnen und zuverlässig wiederzufinden.
Was hat sich in Studien mit Gedächtnissportlern tatsächlich verändert?
Dresler et al. (2017) verglichen 23 Gedächtnissportler aus der Weltspitze mit untrainierten Kontrollpersonen und ließen zusätzlich Anfänger sechs Wochen lang mit der Loci-Methode trainieren. Nach dem Training ähnelten die funktionellen Vernetzungsmuster der Anfänger stärker denen der Gedächtnissportler; diese Veränderungen standen zudem mit besseren Gedächtnisleistungen einige Monate später in Zusammenhang.
In einer weiteren Studie rekrutierten Wagner et al. (2021) 51 männliche Studierende; die Daten von 50 wurden ausgewertet. Die Loci-Gruppe absolvierte innerhalb von sechs Wochen 40 jeweils 30-minütige Übungseinheiten und verbesserte ihre Leistung sowohl beim Wortabruf als auch beim erneuten Abruf nach 24 Stunden. An der Untersuchung vier Monate später nahmen 45 Personen teil; sie enkodierten erneut dieselbe Wortliste, die beim ersten Test verwendet worden war. Direkt zeigt die Studie damit, dass die Teilnehmenden die trainierte Strategie vier Monate später in einer Wortlistenaufgabe erneut verwendeten.
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse aus dem Jahr 2025, in die Daten von 3.006 Erwachsenen eingingen, berichtete zwar einen großen Vorteil der Loci-Methode gegenüber bloßem Wiederholen beim unmittelbaren Abruf von Reihenfolgen; weil jedoch viele der einbezogenen Studien methodische Schwächen aufwiesen, sollte dieses Ergebnis vor allem als ein besonders deutlicher Effekt bei Aufgaben verstanden werden, in denen mit Orten verknüpfte Reihenfolgen unmittelbar erinnert werden (Ondřej, 2025).
Zusammen zeigen diese Studien, dass Training die Fähigkeit verbessern kann, ausgewählte Informationen mithilfe einer eingeübten Struktur zu enkodieren und später entlang dieser Struktur abzurufen. Die meisten Aufgaben in diesen Studien drehten sich um Wortlisten und den Abruf von Reihenfolgen.
Wie verändert sich dadurch das Lernen in der Praxis?
Auf Grundlage dieser Befunde, der Forschung zu Abrufübungen und Selbsterklärungen sowie meiner eigenen Trainingserfahrung nutze ich folgenden praktischen Ablauf:
- Erster Durchgang – eine Landkarte anlegen: zügig lesen und Thema, Kapitelaufbau, Leitfragen sowie Bekanntes und Unbekanntes erfassen.
- Unterlagen schließen und erinnern: das gerade Gelesene in eigenen Worten wiedergeben und prüfen, wie viel vom Gesamtaufbau abrufbar ist.
- Zweiter Durchgang – Anker auswählen: die Begriffe und Schlüsselwörter bestimmen, die für Prüfung, Projekt oder Verständnis entscheidend sind.
- Mit Mnemotechnik festigen: die ausgewählten Ideen mit Bildern, Orten, Geschichten oder einem Zahlensystem verbinden.
- Mit Abstand abrufen: zunächst ohne Vorlage erinnern und anschließend mit dem Text vergleichen, um Details und Zusammenhänge zu korrigieren oder zu ergänzen.
Eine besondere Stärke geübter Anwender besteht darin, die für ihr Denken nötigen Begriffe auch nach dem Weglegen der Unterlagen im Gedächtnis zu behalten und sie im richtigen Moment zuverlässig abzurufen.
Wer räumliches Enkodieren zum ersten Mal ausprobiert, findet im Leitfaden So baust du einen Gedächtnispalast einen guten Einstieg. Wer ein System sucht, das Ziffern in Bilder übersetzt, findet es im Leitfaden Zahlen schnell merken.
Warum vergrößert abrufbares Wissen den Denkspielraum?
Das Arbeitsgedächtnis kann immer nur eine begrenzte Menge an Informationen aktiv verarbeiten. Studien, die diese Grundkapazität von der Unterstützung durch Wiederholen und Chunking abgrenzen, schätzen, dass junge Erwachsene etwa 3–5 bedeutungshaltige Einheiten gleichzeitig halten können; der genaue Wert hängt von der Aufgabe und davon ab, was als Einheit oder Chunk gilt (Cowan, 2010). Fachleute nutzen diesen knappen Raum effizient, indem sie über Abrufhinweise geordnetes Wissen aus dem Langzeitgedächtnis rasch aktivieren. Einen klassischen Erklärungsansatz bietet die Theorie des Langzeitarbeitsgedächtnisses von Ericsson und Kintsch.
So rufen wir einen passenden Begriff ab, verbinden ihn mit dem aktuellen Gedanken und wenden uns dann dem nächsten zu. Leicht abrufbare Erinnerungen geben uns auf diese Weise einen Vorrat an Ideen, die sich im Kopf prüfen und miteinander verknüpfen lassen.
Auch die Lernforschung bestätigt immer wieder, wie wirksam es ist, Gelerntes aktiv abzurufen und zu erklären:
- Eine Metaanalyse zu Abrufübungen im Unterricht mit Daten aus 222 Studien und insgesamt 48.478 Lernenden kam zu dem Ergebnis, dass Tests und aktives Erinnern das Lernen verbessern.
- Eine Metaanalyse zum Transfer von Abrufübungen zeigte, dass abgerufenes Wissen auch bei neuen Problemen und Schlussfolgerungen hilft.
- Eine Metaanalyse zur Selbsterklärung zeigte bessere Lernergebnisse, wenn Lernende ursächliche und begriffliche Zusammenhänge in eigenen Worten erklärten.
Ein realistischer Lernablauf lautet daher: „behalten → ohne Vorlage erinnern → neu ordnen → Beziehungen verändern → eine neue Struktur entdecken“. Das Gedächtnis bewahrt das Material; Abruf und Selbsterklärung bringen es wieder in Bewegung.
Was sich durch mein Training verändert hat: ein Code-Editor im Kopf
Dieser Abschnitt beschreibt meine persönlichen Erfahrungen aus mehr als zehn Jahren, in denen ich Gedächtnistechniken trainiert und unterrichtet habe.
Über viele Jahre des Übens und Unterrichtens habe ich unter anderem bemerkt, dass ich detaillierte Abläufe auch nach dem Weglegen der Unterlagen im Kopf weiter simulieren kann.
Als ich mich intensiv mit Programmieren beschäftigte, schlug ich für eine neue Funktion zunächst die nötigen Konzepte und die Syntax nach. Bevor ich Code schrieb, öffnete ich gewissermaßen einen Code-Editor im Kopf: Ich ordnete den Pseudocode Zeile für Zeile an, ging den Programmablauf durch und schrieb erst danach den eigentlichen Code. Meist verhielt er sich wie erwartet. Trat ein Fehler auf, erinnerte ich mich an bereits geschriebenen Code und suchte nach Stellen, an denen er mit dem neuen Teil in Konflikt geraten konnte.
Da ich die nötigen Konzepte, die Syntax und die Struktur von früher geschriebenem Code abrufen konnte, ließ sich all das im Kopf neu kombinieren und durchspielen. Das ähnelte einer Pinnwand, an der man Notizen und Fotos immer wieder anders anordnet: Ich konnte das Material meiner Erinnerungen im Kopf behalten und beim Denken verschiedene Anordnungen ausprobieren.
Eine weitere Veränderung betraf meine Vorstellungskraft. Indem ich Gesehenes immer wieder in Bilder verwandelte und diese Szenen beim Abruf neu aufbaute, hatte ich das Gefühl, dass meine Vorstellungskraft lebendiger und die inneren Bilder allmählich klarer wurden. In meinem eigenen Training waren sowohl Enkodierung als auch Abruf aktive Übungen für die Vorstellungskraft.
Was bedeutet „Erinnern heißt vorstellen“ aus wissenschaftlicher Sicht?
Das episodische Gedächtnis setzt Erfahrungen mithilfe von Hinweisen, Sinneseindrücken, Orten und semantischem Wissen neu zusammen. Wenn wir uns die Zukunft vorstellen, greifen wir ebenfalls auf Personen, Orte, Handlungen und Gefühle aus früheren Erfahrungen zurück und verbinden sie zu einer neuen Szene.
Eine Metaanalyse bildgebender Studien von Benoit und Schacter (2015) ergab, dass beim Erinnern vergangener und beim Simulieren zukünftiger Ereignisse ein gemeinsames Kernnetzwerk aktiv ist, zu dem auch der Hippocampus gehört. Schacter und Thakral (2024) beschreiben diese flexible Neukombination als einen Prozess, der Gedächtnis, Planung und Vorstellung miteinander verbindet.
In der Sprache der Mnemotechnik heißt das:
- Bei visuellen oder szenenbasierten Gedächtnistechniken stellen wir uns unbekannte Informationen beim Enkodieren als Szene vor.
- Beim Abruf bauen wir die Szene und ihre Zusammenhänge wieder auf.
- Beim Wiederholen lässt sich dieselbe Szene schneller und zuverlässiger aufrufen.
- Beim Anwenden verändern wir einzelne Elemente oder verknüpfen sie mit anderen Erinnerungen.
„Erinnern heißt vorstellen“ lässt sich also so verstehen: Vorstellungskraft ist ein zentrales Arbeitsmittel, wenn wir Erinnerungen bilden, abrufen und nutzen.
Lassen sich Gedächtnistechniken auch ohne lebhaftes inneres Bild nutzen?
Vorstellung kann viele Formen annehmen: lebhafte visuelle Szenen, ein Gespür für Position und Richtung, Sprache und Rhythmus, Geräusche, Bewegung oder Körperempfindungen. Die Form, die am besten zu einer Person passt, kann zu einem starken Abrufhinweis werden.
Forschung zu Aphantasie – der Schwierigkeit oder Unfähigkeit, visuelle Bilder vor dem inneren Auge zu erzeugen – macht diese Vielfalt deutlich. In einer Zeichenaufgabe zeichneten Personen mit Aphantasie weniger visuelle Details der Gegenstände, stellten deren räumliche Anordnung jedoch ebenso genau dar wie die Kontrollgruppe (Bainbridge et al., 2021). Reeder et al. (2024) zeigten, dass nichtvisuelle räumliche und sensomotorische Strategien eine präzise Leistung im visuellen Arbeitsgedächtnis ermöglichen können.
Entscheidend ist, die eigene Form der Vorstellung zu finden. Wer sich Bilder leicht vorstellen kann, nutzt Szenen; wer ein gutes räumliches Gespür hat, nutzt Orte und Wege; wer sprachlich stark ist, nutzt Sätze, Rhythmus und Geschichten. Ein Gedächtnispalast gibt diesen Hinweisen eine stabile Reihenfolge und feste Beziehungen.
Gedächtnis und Kreativität: Material abrufen und neu zusammensetzen
Eine Studie zu individuellen Unterschieden aus dem Jahr 2026 ergab, dass sowohl aus dem episodischen Gedächtnis abgerufene Details als auch semantisches Wissen mit Zukunftsvorstellungen und divergentem Denken zusammenhingen. Das semantische Gedächtnis sagte divergentes Denken dabei am stärksten vorher (Thakral et al., 2026). Je umfangreicher und leichter abrufbar unser Wissen ist, desto mehr Material steht zum Vergleichen und Kombinieren bereit.
Die Studie macht damit einen Zusammenhang zwischen leicht zugänglichen episodischen Erinnerungen, semantischem Wissen, Zukunftsvorstellungen und divergentem Denken sichtbar. Ob das Training von Gedächtnistechniken die allgemeine Kreativität steigert, lässt sich in einer eigenen Interventionsstudie prüfen, in der die Trainingswirkung direkt untersucht wird.
Kreativität entsteht häufig, wenn erinnerte Elemente in neue Beziehungen treten. Einen Begriff in einen anderen Zusammenhang zu stellen, Ursache und Wirkung umzukehren oder eine frühere Codestruktur auf ein aktuelles Problem zu übertragen – all das sind Formen des Neuordnens.
Gedächtnistechniken sorgen hier dafür, dass Material fürs Denken geordnet und bei Bedarf abrufbar bleibt. Neue Beziehungen entstehen, wenn wir dieses Material vergleichen, verändern und überprüfen.
Eine Lernroutine in fünf Schritten zum direkten Ausprobieren
- Eine Seite oder einen Abschnitt zügig lesen und eine zentrale Frage festlegen.
- Die Unterlagen schließen und Aufbau sowie Schlüsselbegriffe mit eigenen Worten wiedergeben.
- Noch einmal lesen und fehlende Kerngedanken oder missverstandene Zusammenhänge korrigieren.
- Nur die Begriffe, die wirklich im Gedächtnis bleiben sollen, mit Bildern, Orten, Geschichten oder einem passenden Hinweissystem verknüpfen.
- Nach einem Tag und noch einmal einige Tage später ohne Vorlage erinnern; erst anschließend mit dem Original vergleichen.
Konkrete Vorgaben für Lern- und Abrufintervalle finden sich im Leitfaden Kurz-, mittel- und langfristiges Gedächtnis trainieren. Wer mehr über die Grundkapazität des Gedächtnisses, das Vergessen und den Verteilungseffekt erfahren möchte, kann außerdem nachlesen, wie Erinnerungen gespeichert werden und warum wir vergessen.
Die Antwort in einem Satz
Wer Gedächtnistechniken beherrscht, wählt aus dem verstandenen Stoff die wichtigsten Informationen aus, legt zuverlässige Abrufwege an und nutzt das Wissen auch nach dem Zuklappen des Buches weiter – zum Wiederholen, Simulieren und Entdecken neuer Zusammenhänge.
Je besser Erinnerungen haften, desto mehr Material steht der Vorstellungskraft zur Verfügung. Mit diesem Material lässt sich der Gedankengang fortsetzen, selbst wenn die Unterlagen gerade nicht vorliegen.
Zentrale Studien
- Routes to remembering: the brains behind superior memory
- Mnemonic Training Reshapes Brain Networks to Support Superior Memory
- Durable memories and efficient neural coding through mnemonic training using the method of loci
- The method of loci in the context of psychological research: A systematic review and meta-analysis
- Long-term working memory
- Testing (quizzing) boosts classroom learning: A systematic and meta-analytic review
- Inducing Self-Explanation: a Meta-Analysis
- Specifying the core network supporting episodic simulation and episodic memory by activation likelihood estimation
- Constructive Memory and Conscious Experience
- Non-visual spatial strategies are effective for maintaining precise information in visual working memory
- Episodic and semantic memory contributions to imagination and creativity